Wachstum und Luxus auf dem Dach der Welt – Das boomende Hotelgewerbe

Wachstum und Luxus auf dem Dach der Welt – Das boomende Hotelgewerbe
Gabriel Lafitte

Bedenkt man, dass die sog. Autonome Region Tibet (TAR) auch im Jahr 2010 weitgehend abgeriegelt war und die Lage nach wie vor angespannt ist, dann hat die weltweite Luxus-Hotel-Industrie einen merkwürdigen Zeitpunkt gewählt, um den Bau großer Hotelanlagen in Lhasa anzukündigen. Geplant sind Luxushotels mit mehreren tausend Betten, die zumeist auf Kosten der alten Architektur, insbesondere der Herrenhäuser ehemaliger Herrscherfamilien gebaut werden sollen. Die großen Hotelketten gehen offenbar davon aus, dass Lhasa zukünftig jede Menge gut situierte Touristen aus aller Welt sowie Chinas Neureiche anziehen wird. Von der chinesischen Führung wird ihnen eine friedvolle und harmonische Atmosphäre in Tibet zugesichert.

Lhasa hat in letzter Zeit einen wahren Immobilienboom erlebt. Die Grundstückpreise sind rasant gestiegen, seit landwirtschaftlich genutzte Flächen ge- und verkauft werden dürfen. Durch ihre Präsenz steigern und sichern sich die großen Hotelketten ihren Marktanteil in Lhasa.

Zwei mittelgroße Hotels wurden bzw. sind im Begriff, eröffnet zu werden:
– Starwood St. Regis Lhasa mit 169 Zimmern, Nähe Barkhor, eröffnete am 15. November 2010
– Carlson In Park Plaza Lhasa mit 87 Zimmern, Stadtzentrum, plant die Eröffnung im laufenden jahr.

Für 2012 ist die Eröffnung zweier weiterer großer Hotels etwas außerhalb des Zentrums geplant:
• Shangri-la Hotel mit 350 Zimmern
• InterContinental Resort Lhasa Paradise mit 2.000 Zimmern.

Die chinesische Regierung besteht darauf, dass internationale Hotelketten immer mit einem chinesischen Partner zusammenarbeiten, damit dieser von ihnen Sterne-Service und Wirtschaftlichkeit erlernen kann. Die Ketten können auf zahlreiche Buchungen ihrer prestigeträchtigen Räumlichkeiten zählen, denn die staatlichen Behörden nutzen diese gerne für die Bekanntgabe ihrer Errungenschaften in Tibet. Mit den Hotels wird Lhasa zum Vorzeigeobjekt für den Einzug der chinesischen Moderne in Tibet.

Für Tibet ist dies ein großer Wendepunkt. Nicht weil Chinas Ankündigung von Tibet als touristische Goldgrube etwas Neues wäre, sondern weil sich diesmal internationale Investoren beteiligen. Diese reißen das alte Lhasa für den Bau von 2.636 neuen Hotelzimmern ab. Eine gewaltige Zahl für eine Stadt, die schon lange kein neues Hotel mehr gesehen und kaum international finanzierte Immobilien zu verzeichnen hat.

Der Verlust einzigartigen Kulturguts

Touristen erwarten, dass Lhasa tibetisch aussieht, und sind oft darüber erschrocken, wie wenig vom alten Lhasa noch erhalten ist. Seit 2009 wird dieses Wenige zunehmend zerstört, vor allem um Platz für neue Hotels zu machen und ungeachtet dessen, dass Gebäude offiziell unter Denkmalschutz stehen. Ein prägnantes Beispiel ist das Bumtang-Haus, das vom Tibet Heritage Fund mühevoll restauriert worden ist, nur um 2009 abgerissen zu werden.

Mindestens drei denkmalgeschützte Herrenhäuser wurden bereits im Rahmen des Hotelbaus zerstört. Neben dem Bumtang Haus fiel die Residenz des Adelsgeschlecht der Jamyang Shep Lamas den Bulldozern zum Opfer. Kunkyen Lama Jamyang Shepa, 1648-1721, aus Labrang Tashi Kyil in Amdo ist wohl der Berühmteste dieser Linie. Er war ein renommierter Logiker und Autor. Der Tibet Heritage Fund führt das Gebäude in seiner Liste.

Lhasa ist zwar der Knotenpunkt, nicht jedoch die einzige Attraktion der Tourismuswirtschaft. Die gesamte TAR wird heute als Erlebnisrundreise angeboten, deren einzelne Stationen jedoch nur selten einen näheren Austausch mit der tibetischen Bevölkerung zulassen.

Chinas Planer haben Tibet neu erfunden und ihm eine Nord-Süd- und eine Ost-West-Achse gegeben, die sich in Lhasa treffen und entlang derer sich der Tourismus rasant entwickelt. Tibet wurde den Bedürfnissen, Kostenstrukturen und Profitmöglichkeiten einer globalen Freizeitindustrie angepasst und konkurriert nun mit Reisezielen weltweit.

Schon lange fasziniert Tibet die westliche Welt, weshalb viele denken, die Mehrzahl der Touristen in Tibet sei international. Doch dem ist nicht so. Die meisten Touristen sind Chinesen, was sich auch durch die Eröffnung der Eisenbahn im Jahr 2006 erklärt. Angezogen von ähnlichen romantischen Phantasien wie viele Westler und von billigen Zugtickets, kommen Scharen von Chinesen nach Tibet, die sich eine Reise ins Ausland nicht leisten können. Laut Tibets Statistischem Jahrbuch von 2009 kamen im Jahr 2007 allein 888.500 Touristen mit der Eisenbahn nach Lhasa. Im Jahr 2008 waren es 622.000; viele weitere Besucher kamen per Bus oder mit dem Flugzeug.

Der chinesische Tourismus
Chinesische Touristen verhalten sich anders als die von Neugier und vielleicht auch von romantischen Vorstellungen geprägten Rucksackreisenden und Pilger. Chinesen reisen meist in Reisegruppen, die von chinesischen Touristenführern mit Fähnchen und Megaphonen vom Zug zum Bus, zum Hotel, zur Sehenswürdigkeit und wieder zurück zum Bus gelotst werden. Obwohl sie für eine Pauschalreise gezahlt haben, wird der Preis niedrig gehalten. Auch die Löhne der in der Tourismusbranche Tätigen sind niedrig. Aufgestockt werden sie mit dem Geld, das Touristen beim Kauf “lokaler” Güter oder beim Schnappschuss mit “Nomaden” ausgeben. Die obligatorischen Zwischenstopps bei Souvenirläden und -märkten machen den Massentourismus profitabel, da diese den Touristenführern und Reisegesellschaften Kommissionen zahlen.

All dies läuft darauf hinaus, dass Chinesen auf ihren Reisen durch Tibet nur selten auf Tibeter treffen, auch wenn sich viele Verkäufer der “authentisch tibetischen Produkte” (gefertigt in Kathmandu) zwecks Steigerung der Verkaufszahlen tibetisch kleiden. Doch das stört die chinesischen Touristen wenig. Die meisten interessiert vor allem das Urlaubsporträt vor exotischer Kulisse wie z. B. dem Potala-Palast oder auf einem Yak sitzend, ein rotbäckiges tibetisches Mädchen neben sich. Tibet ist ein exotisches und dennoch erschwingliches Juwel in Chinas Krone, und dort gewesen zu sein ist etwas, wovon man zu Hause erzählen kann.

Im Jahr 2008 ist der chinesische Tourismus in Tibet drastisch gesunken, wenn auch nicht ganz so stark wie der internationale – mit Beginn der Aufstände im März 2008 mussten alle Ausländer Tibet verlassen. 2007 dagegen war laut offizieller Statistik ein Rekordjahr: 3,66 Millionen chinesische Besucher, 888.000 internationale Besucher plus zahlreiche Touristen aus Hong Kong, Taiwan und Macao.

Im Jahr 2008 sank die Zahl um über ein Drittel auf nur 2,2 Millionen chinesische Touristen, die Zahl der internationalen Touristen reduzierte sich auf 63.000. Im Vergleich betrug der Gewinn der Tourismusindustrie innerhalb der TAR 2007 etwa 4,85 Milliarden Yuan und nur 2,26 Milliarden Yuan im Jahr 2008.

Ein Masterplan für Tibets Neuerfindung
Der Aufbau einer Tourismusindustrie ist Chinas Hauptanliegen seines sogenannten “2010-2020 Masterplans“. Ba Zhu, Verantwortlicher des Fremdenverkehrsbüros in Tibet, erklärt: “ Wenn in zehn Jahren alle Ziele erreicht sind, dann wird Tibet ein erstklassiges Reiseziel des Welttourismus sein mit besonderen Anziehungspunkten, freundlicher Umgebung, guten Verkehrsmöglichkeiten, umfangreicher Infrastruktur, normativem Management, standardisiertem Service, einem internationalen Markt und einem sozialen Entwicklungsstand, der die Bedürfnisse verschiedener Gruppen erfüllt.”

Um erfolgreich große internationale Hotelketten anzuziehen, benötigt man mehr als zuverlässigen Strom, befestigte Straßen und eine funktionierende Kanalisation. Die arbeitsintensive Hotelindustrie ist angewiesen auf ausgebildete Arbeitskräfte, die gastfreundlich sind, mehrere Sprachen sprechen und zuverlässig arbeiten. Gleichzeitig müssen sie bereit sein, Schichtarbeit, niedrige Löhne und saisonbedingte Entlassungen zu akzeptieren. Ebenso wichtig ist ein standardisierter Service, ein reguliertes Hotel-Sterne-System und vielfältige Anlagen, unter anderem, damit die chinesische Regierung z. B. in Form von öffentlichen Großveranstaltungen ihre Macht und ihren Reichtum demonstrieren kann. Mit normativem Management meint Ba Zhu Aufsichtspersonen, die auf die Erfüllung einheitlicher und berechenbarer Dienstleistung bestehen.

Im Masterplan heißt es: “Tibets touristische Struktur wird Folgendes beinhalten: Lhasa als Zentrum für den Kulturtourismus und Nyingchi als Zentrum für den Ökotourismus; eine Ost-West- sowie Nord-Süd-Achse der Tourismusentwicklung, die Tibet mit der Außenwelt verbindet; vier spezialisierte Rundreisen im Osten, Westen, Süden und Norden des Landes; sieben Landschaftsgebiete.“

Ende 2020 wird die jährliche Besucherzahl in Tibet auf 20 Millionen angestiegen sein und der Ertrag sich auf 20 Milliarden Yuan erhöht haben.

Natürlich gab es früher bereits ähnliche Pläne für die Entwicklung einer Tourismusindustrie in Tibet. Allerdings scheiterten diese immer dann, wenn Chinas Sicherheitskräfte wieder einmal hart durchgriffen, ausländische Besucher verbannten und eine solche Angst verbreiteten, dass sogar Touristen mit „rosarote Brille“ die Anspannung auf den Straßen spüren konnten.
Doch das bedeutet nicht, dass diese Vorhaben immer fehlschlagen werden. Diesmal wird die Neuerfindung Tibets als Erlebnisrundreise von Pekings massiven Investitionen in die Infrastruktur gestützt. Nicht nur die Eisenbahnlinien nach Lhasa und Shigatse, sondern auch die regionalen Flughäfen ermöglichen den Touristen einen schnellen Blick auf Tibets vielfältige Architektur, seine abwechslungsreichen Landschaften und Kulturdenkmäler sowie sein artenreiches Wildleben zu werfen. Dadurch wird die Bildung eines Netzwerks von Dienstleistungen ermöglicht, das in der Lage, ist die Bedürfnisse verschiedener Kundengruppen zu erfüllen. Chinas derzeitige Tourismusstrategie basiert auf Marktanalysen, die die potentiellen Besucher anhand ihrer Wünsche und Erwartungen in verschiedene Märkte einordnet. Die zwei Hauptmärkte sind laut Masterplan der Kultur- und der Ökotourismus mit speziellen Touren für die abenteuerfreudigen Touristen, die sich auf der Suche nach wilden Flüssen und Nomaden befinden.

Die auf den verschiedenen Märkten feilgebotenen Reisepakete können Tibet nun als unberührte Landschaft anpreisen. Neben Lhasa als kulturellem Zentrum können auch Zwischenstopps in die kargen Gefilde des Nordens, Besuche der historischen Ruinen des bevölkerungsarmen Westens, “polare” Erfahrungen am Fuße des Chomolangma (Mount Everest) sowie Touren in die Wälder, Flora und Fauna, zu reißenden Flüssen und Schluchten im Osten angeboten werden.
Aus wirtschaftlicher Sicht befindet sich Tibet im Prozess, seine größte Einschränkung zu überwinden, ein sehr eindimensionales Reiseziel zu sein, das Besucher nur für kurze Zeit halten kann. Mittlerweile können einwöchige Reisen mit dem abendlichen Komfort von Sterne-Hotels angeboten werden statt langwieriger Routen, die lediglich Backpacker und Pilger ansprechen.

Es waren zwei Behörden – das Entwicklungsprogramm (UNDP) und die Welttourismusorganisation (UNWTO) der Vereinten Nationen – die diese touristische Version von Tibet konzipiert haben. Im Jahr 1990, Hu Jintao war damals gerade Parteisekretär in Tibet und für die gewaltsame Niederschlagung von Protesten und die Verhängung des Kriegsrechts verantwortlich, präsentierten sie der chinesischen Regierung ihre Idee von Tibet als Reiseziel. Der zweibändige, 500 Seiten starke Bericht wurde gemeinsam von der UNDP, UNWTO, der staatlichen Tourismusverwaltung der Volksrepublik China und der Regierung der TAR veröffentlicht. Geschrieben wurde er von der Unternehmensberatung Shankland Cox mit Sitz in Hong Kong.

Kundschaft für Lhasas neue Luxushotels
Wer sind die Kunden der im Bau befindenden Luxushotels? Wegen des fehlenden Service und Komforts wurden internationale Touristen bisher oft von einer Reise nach Tibet abgehalten. Nun wird erwartet, dass Tibet aus einer bis dahin nicht befriedigten Nachfrage endlich Kapital schlagen kann. Tibet, Lhasa, der Potala-Palast und ähnliche kulturträchtige Orte sind im Marketingverständnis lang etablierte Marken mit einem hohen Wiedererkennungswert, die jedoch jetzt erst in Geld umgewandelt werden können. Demnach wären die Kunden der neuen Hotels internationale Touristen, die sowohl exotische Sehenswürdigkeiten als auch Komfort wünschen.

Es gibt aber Gründe anzunehmen, dass auch künftig Tibet und die Luxushotels hauptsächlich von Chinesen besucht werden wird. Viele der neuen Hotelketten spezialisieren sich auf Geschäfts- und Konferenzreisende und sind erfahren im Bau exklusiv eingerichteter Einkaufs- und Dienstleistungspassagen. Solche Anlagen finden Anklang bei chinesischen Unternehmen, Parteiorganen, professionellen Organisationen, Handelskonferenzen und Chinas Neureichen. Luxuriöse Banquetmöglichkeiten, exquisite Unterkunfts- und Freizeitanlagen, modernste Kommunikationstechnologie und Shops, die nicht nur über die üblichen Luxusmarken verfügen, sondern auch tibetische Aphrodisiaka, Felle und Heilmittel gegen das Altern anbieten, machen diese Örtlichkeiten besonders attraktiv. Hinzu kommen Nachtclubs, Geschäftszentren, Konferenzsäle und diskrete Räumlichkeiten für die privaten Geschäfte. Für einen Einparteienstaat mit vielen Ministerien, Büros, Think Tanks und Regierungsgruppen ist dies genau die richtige Mischung, um Arbeitsberichte und Netzwerkpflege abzuwickeln und der Konsumfreudigkeit nachzugehen.

Insbesondere das InterContinental Resort Lhasa Paradise ist für die Anliegen der Partei attraktiv, da es das größte Hotel sein wird mit einer angemessenen Distanz zum Stadtzentrum. InterContinental wird das Hotel unter seinem internationalen Markennamen führen, das Projekt an sich wird jedoch von der Exhibition & Travel Group (ETG) ausgeführt. Dieses Unternehmen mit Sitz in Chengdu ist auf Großprojekte spezialisiert, die mietbare Büroflächen, Einkaufsmöglichkeiten, Kulturtourismus und Freizeit- und Unterhaltungseinrichtungen unter einem Dach vereinen. ETG war am Umbau eines tibetischen Areals nördlich von Chengdu beteiligt, das unter dem Namen Dzitsa Ddeg heute ein weltberühmtes Reiseziel ist.
Tibetische Volkskultur ist eines der Angebote, das den Wert der Marke ETG/InterContinental ausmacht. Es macht die Örtlichkeit einzigartig, den Tibetern aber gesteht es nicht mehr als eine Statistenrolle zu.

Die Kombination aus einem chinesischen Bauträger mit guter Verbindung zur Politik sowie Expertise in der Inszenierung folkloristischer Spektakel und einer internationalen Hotelkette, deren Name Luxus verspricht, ist gewinnbringend und macht Lhasa zu einem Teil von Chinas Tourismusangebot mit Markenhotels, die bis dahin nur in Städten wie Peking und Shanghai zu finden waren.

Eine treibende Kraft ist der Unternehmer Deng Hong, Sohn eines Offiziers der chinesischen Luftwaffe. Einem Journalisten der Washington Post erzählte dieser einmal, dass sein Erfolg auf seinen guten Verbindungen zu Regierungsvertretern beruhe. Deng immigrierte in die USA und kaufte Grundstücke in Hawaii und Silicon Valley. Nach China kehrte er zurück, da, “reich werden” in China einfacher sei als in den USA. Er hatte Recht: Zuletzt besaß er 35 Autos, darunter ein Ferrari, ein Lamborghini, eine Corvette, mehrere Jeeps und Mercedes 600 sowie einen Lincoln Continental. Erst kürzlich hat er die Rechte an 100 Quadratmeilen Land erworben, die direkt an Chinas Jiuzhaigou Nationalpark angrenzen. „In China versuchen die Reichen zu Superreichen zu werden” (Washington Post, 17. März 2002).

Tibeter in der chinesischen Tourismusindustrie
Die in Lhasa agierenden Hotelketten besitzen meistens bereits mehrere Liegenschaften in Chinas Großstädten. Mit Lhasa ist es ihnen nun möglich, internationalen Touristen einschließlich der Geschäftsreisenden, ein Komplettpaket zum Kennenlernpreis und zu Sondertarifen anzubieten. So soll sichergestellt werden, dass die Hotels in Lhasa schnell profitabel werden. Keine privaten Investoren haben jemals so viel dafür getan wie die derzeit entstehende Hotelindustrie, dass Tibet ein Teil der chinesischen Wirtschaft wird. Weiter hat sie die Rolle des Dienstleistungssektors als Quelle für Arbeit und Wohlstand gestärkt.

Jahrzehntelang hat Peking Geld nach Tibet fließen lassen. Arbeit wurde von den Bereichen Verwaltung, Logistik, Gütertransport und Sicherheitspersonal beherrscht und zwar in außergewöhnlich hohem Maße für eine derartig arme Region. Gleichzeitig zogen Rohstoffproduzenten, d. h. die tibetischen Nomaden und Bauern auf dem Land, nur wenig finanzielle Mittel an. Auch die Fertigungsindustrie entwickelte sich nur langsam, während die Dienstleistungsindustrie dagegen rasant anstieg. In der TAR entspricht die Aufteilung dieser drei Beschäftigungsbereiche in etwa der einer modernen Großstadt wie Peking oder Shanghai.

Die Beschäftigung im Dienstleistungsbereich und Geschäftsmöglichkeiten für Selbständige ist gemeinhin den Gebildeten vorbehalten, ausgenommen sind Stellen für Reinigungskräfte und Einfach-Tätigkeiten auf Baustellen. Zwar gibt es in der TAR berufliche Ausbildungsmöglichkeiten, diese werden allerdings meistens von internationalen Nichtregierungsorganisationen (NGO’s) bereitgestellt. Nur wenige Tibeter sind in der Lage, mit den chinesischen Immigranten um eine Stelle im Servicebereich eines Hotels zu konkurrieren, das routinemäßig fließend Chinesisch und oft auch Englisch verlangt. Tibeter mögen Tellerwäscher sein, doch nur die wenigsten schaffen es zum Kellner, Rezeptionisten, Vorarbeiter oder Manager.

Dies ist auch die Erfahrung vieler Tibeter im Nationalpark Dzitsa Degu (Chin. Jiuzhaigou) im Norden Sichuans. Das Naturschutzgebiet ist eines der größten Touristenattraktionen mit Millionen von Besuchern jährlich. Sowohl im Tibetischen wie im Chinesischen leitet sich der Name von den neun tibetischen Dörfern ab, die in den atemberaubend schönen Tälern des Gebiets liegen. Seit 1992 ist es Teil des UNESCO-Weltnaturerbes. Seitdem dieses abgelegene Gebiet von chinesischen Unternehmern 1975 „entdeckt“ worden ist, ist das Tibetische ein Teil seiner Identität. Dennoch spielen die dort lebenden Tibeter nur eine Nebenrolle. Zusammen mit den Berggipfeln, bewaldeten Hängen, kristallfarbenen Seen und Wasserfällen gehören sie zur Attraktion. Touristen, vornehmlich Chinesen, erfreuen sich daran, sich rittlings auf einem Yak oder in tibetischer Kleidung fotografieren zu lassen. Früher konnten Touristen für die authentische Erfahrung in den Dörfern in tibetischen Häusern übernachten. Doch als die Besucherzahl in die Millionen ging, sorgte such die UNESCO um die Überlastung des Gebiets. Die lokalen Behörden verboten die Übernachtungsmöglichkeiten in den Dörfern und zwangen die Touristen, Hotels außerhalb des geschützten Gebiets aufzusuchen. Das größte unter ihnen gehört der ETG und wird nun in Lhasa nachgebaut.

Der Ausschluss der Tibeter vom Dienstleistungssektor kam zu einem Verbot der landwirtschaftlichen Nutzung der Täler hinzu. Obwohl das Land von der tibetischen Bevölkerung seit Jahrhunderten ohne Schaden für Wälder und Flüsse bebaut wird, haben die Behörden beschlossen, dass dies nicht mehr mit der Idee von Jiuzhaigou als magischem Götterreich mit unberührter Natur vereinbar sei. Dennoch bleiben die Tibeter ein Teil des Spektakels. Khampas werden zum Singen und Tanzen eingestellt. Amdoer verleihen an Besucher ihre Tracht, damit diese sich herausputzen können. Tibeter bilden die besondere Nische der exotischen Ureinwohner.

Werden die Tibeter eine weniger marginale Rolle spielen, wenn in Lhasa ähnliche Resorts gebaut werden? In Lhasa leben gut ausgebildete Tibeter sowie tibetische Unternehmer mit Erfahrung im Bewirtschaften eines Hotels, einer heißen Quelle, eines Busunternehmens oder eines Reisebüros. Welche Chancen und Möglichkeiten werden sie in einem InterContinental, Shangri-la, Starwood oder Carlson haben? Es besteht die Gefahr, dass Tibeter in den neuen Hotels lediglich als Dienstmädchen (chin. baomu) und Reinigungskräfte eingestellt werden, anwesend zwar, aber weitgehend unsichtbar und anonym. Der wenig schmeichelhafte Begriff „baomu“ („vertrauter Fremder“) enthält einen negativen Beigeschmack bezüglich des Geschlechts sowie des finanziellen und gesellschaftlichen Status. In den Hotels und in den Wohnungen der chinesischen Neureichen sind die „baomu“, üblicherweise weibliche Migranten vom Land, durch ihre „allgegenwärtige Unsichtbarkeit“, ihre Vergänglichkeit und ihren Status als baomu gekennzeichnet. Obwohl offiziell „soziale Harmonie und Höflichkeit“ innerhalb dieses Beschäftigungsverhältnisses gepriesen wird, ist es mit Diskursen betreffend Privatsphäre, Sicherheit, Sittlichkeit und Qualität (chin. suzhi) durchzogen. Diese Diskurse reißen die materiellen und symbolischen Grenzen nicht ein, sondern bekräftigen sie vielmehr. Chinesen pflegen oft das Vorurteil, Tibetern fehle es an Qualität, Zivilisiertheit und Bildung und sie würden zu Unsauberkeit sowie Faulheit neigen. In einem Hotel unter chinesischem Management unterliegen Tibeter einer strengen Kontrolle. Nur wenige haben Aufstiegschancen oder die Aussicht auf eine Vollzeitstelle.

Grundstücksspekulanten: Der Motor des Tourismus
Um die Arbeitsmöglichkeiten der Tibeter genauer auszuwerten, hilft ein Blick auf den Zusammenschluss von Hotelketten und chinesischen Bauträgern. Jedes Projekt beginnt mit einem chinesischen Bauträger, der den Zugang zu Kapital, die Erfahrung und die politischen Verbindungen für die notwendigen Genehmigungen hat. Dann wird gebaut. InterContinentals Partner ist die Exhibition & Travel Group, Starwood StRegis’ Partner ist die Lhasa Yungao International Hotel Co. mit Sitz in Taiwan und Carlson Park Plazas Verbündeter ist die Tibet Gakyiling Construction Co.

Ob Tibeter mehr als eine Statistenrolle spielen, hängt von der Beschaffenheit dieser Partnerschaften ab. Der chinesische Partner ist der Besitzer und die internationale Hotelkette der Betreiber. Ersterer liefert die harte Infrastruktur, den Beton und das Glas. Letztere stellt die weiche Infrastruktur in Form eines weltweiten Reservierungssystems, von Marketingstrukturen, standardisiertem Service, Qualitätssicherung, Mitarbeitertraining und -kontrolle, besonderer Anziehungspunkte, freundlicher Umgebung, guter Verkehrsmöglichkeiten, umfangreicher Infrastruktur, normativen Managements, standardisierten Service und eines internationalen Marktes. Vom Betreiber wird erwartet, dass er seinen chinesischen Partner alle notwendigen Fähigkeiten für ein erfolgreiches Unternehmen lehrt.

Die Tourismusindustrie in Tibet wird seit Jahrzehnten als “Säule” bezeichnet. Ihr großes Potential liegt darin, einer großen Anzahl von Immigranten Arbeit zu geben und Wohlstand zu schaffen. Pekings Hoffnung war immer, dass die groß angelegten Investitionen in Bahnstrecken, Flughäfen, Autobahnen, E-Werke usw. sich irgendwann auszahlen werden, und die Ära der endlosen Subventionen von einer Wohlstand schaffenden Wirtschaft abgelöst wird. Paradox ist, dass die Unternehmen für ihren Erfolg in Tibet die Erwartungen insbesondere der internationalen Touristen erfüllen müssen. Die bestehen vor allem darin, vor Ort auch Tibeter anzutreffen.

Internationale Touristen: Der Schlüssel zur Wirtschaftlichkeit
Der aktuelle Masterplan erwartet für Ende 2015 mindestens 10 Millionen Besucher. Die Einnahmen aus dem Tourismus sollen auf 10 Milliarden Yuan und die Beschäftigungszahl auf 300.000 ansteigen. Ende 2020 werden mindestens 20 Millionen Besucher nach Tibet reisen. Die Einnahmen aus dem Tourismus werden 20 Milliarden Yuan und die totale Beschäftigung 400 000 Personen erreichen.

Die Vorgaben basieren auf einem Gewinn von 1.000 Yuan pro Besucher. Dies ist ein kleiner Betrag, der darauf schließen lässt, dass auch 2020 nur 3-4 Prozent aller Besucher international sein werden. Dies ist aber bei weitem nicht genug, um 300.000 oder 400.000 Personen anzustellen; es sei denn, die Jobs sind saisonabhängig und schlecht bezahlt.
Auch wenn sie nur eine Minderheit in den neuen Hotels ausmachen werden, sind internationale Touristen für die Wirtschaftlichkeit essentiell. Sie zahlen Höchstpreise, bleiben länger und geben mehr aus. Insbesondere für eine funktionierende Wirtschaftlichkeit der kleineren Hotels werden sie unabdingbar sein. Das erste von ihnen, eröffnet am 15. November 2010, wirbt mit einem Luxus, von dem Westler woanders nur träumen können. Das Starwood St. Regis Lhasa verspricht zum Beispiel jedem Gast einen Diener, der rund um die Uhr zur Verfügung steht. Im Westen ist dies ein unbezahlbarer Luxus, der in eine längst vergangene Ära gehört und den sich nur noch Superreiche leisten können. Doch in China mit seinen Niedriglöhnen macht es möglich.

Wird Starwood St. Regis Tibeter als Diener einstellen? Wissen Tibeter, was es heißt, Respekt zu zeigen, zur Verfügung zu stehen, andere an erste Stelle zu setzen? Wissen Tibeter, wie man freundlich ist und aufrichtiges Interesse für seine Gäste zeigt? Selbstverständlich. Aber dieser persönliche Diener, den die New York Times in ihrer Vorschau auf die Eröffnung des Starwood St. Regis Lhasa so sehr bewundert, muss englisch sprechen. Er muss das Verhalten einer standardisierten Hotelindustrie vorweisen können, die echtes Interesse mit einem eingeübten Lächeln simuliert. Es ist wohl ziemlich sicher, dass der Diener, das einmalige Angebot des Starwood St. Regis Lhasa, ein Chinese mit einem Abschluss einer chinesischen Hotelfachhochschule sein wird. Vielleicht hat er dort auch gelernt, wie man eine Chuba trägt.

Eine Hoffnung bleibt dennoch: Vielleicht können die internationalen Touristen die globalen Betreiber wie die des InterContinental unter moralischen Druck setzen, auch für die tibetische Bevölkerung etwas zu tun.

Übersetzung: Anna Momburg-Vanderpool

Gabriel Lafitte, lehrte bis zu seiner Pensionierung Asienstudien an verschiedenen Universitäten in Melbourne, Australien. Er hat lange Jahre mit Tibetern zusammengearbeitet. Zuletzt hat er die Tibetische Regierung im Exil in Umwelt- und Entwicklungsfragen beraten.

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